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Landwirtschaft gefährdet Biologische Vielfalt

Die Industrialisierung der Landwirtschaft bewirkte eine massive Produktivitätssteigerung und hinterließ gewaltige Spuren in Acker, Wiese und Weide. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft verschwinden immer mehr Farbe, Vielfalt und Leben aus der Agrarlandschaft.

Die einst durch Landwirtschaft hervorgebrachte Vielfalt wurde in den vergangenen Jahrzehnten durch die moderne Agrarindustrie zurückgedrängt und teilweise ausgelöscht. Kleinräumig vielfältige Standortbedingungen als Voraussetzung für ökologische Vielfalt verschwanden. Ob unter den Gräsern, Kräutern oder Moosen, den Vögeln, Schmetterlingen, Käfern, Fledermäusen, kleinen Säugetieren - auf Feldern und Wiesen ist ein enormer Rückgang ihrer Zahl über alle Artengruppen zu verzeichnen:

Mehr als ein Drittel der typischen Ackerwildkrautarten ist in Deutschland gefährdet. Früher häufige Arten, z.B. Acker-Rittersporn, treten auf intensiv bewirtschafteten Äckern nur noch extrem selten auf.

Etwa die Hälfte der Vogelarten der Agrarlandschaft weist zwischen den 1980er Jahren und 2009 eine Bestandsabnahme auf . Der größte Rückgang zeigt sich bei den Vogelarten der Wiesen und Weiden, z.B. Braunkehlchen, Rebhuhn und Kiebitz – diese Arten sind aus unserer Landschaft beinahe verschwunden . Da Vögel am Ende der Nahrungskette stehen, lässt sich über ihr Vorkommen auch das Vorhandensein anderer Tier- und Pflanzenarten ableiten.

Die Populationen von Schmetterling, Wildbiene, Motte und Co. verringern sich auffällig. Innerhalb von nicht einmal 30 Jahren ist die Biomasse von Fluginsekten in Naturschutzgebieten über 75% zurückgegangen. Mit dem Rückgang der Insektenfauna schrumpft auch ein ökonomisch wertvoller Baustein des Ökosystems, denn etwa 80% unserer Wild- und Nutzpflanzen werden durch Insekten bestäubt.

Aber weshalb wirkt sich intensive Landbewirtschaftung so negativ auf das Vorkommen von Pflanzen- und Tierarten aus? Die Ursachen dafür sind vielfältig und beeinflussen sich zum Teil gegenseitig. Einige davon sind hier aufgeführt:

Ökologische
Aspekte
Gefährdungsfaktoren

Verwendung von Pflanzenschutzmitteln

Zum Schutz der Ackerfrüchte werden Pestizide auf Äckern ausgebracht und wirken auf unerwünschte Organismen: Herbizide gegen Kräuter, Insektizide gegen Insekten und Fungizide gegen Pilze. Doch dabei werden oftmals nicht nur zielgenau Schädlinge und Unkräuter vernichtet, gleichzeitig verschwindet auch der Großteil der Flora und Fauna des Ackerstandorts. Den Lebewesen der Agrarstandorte, die nicht direkt den Pestiziden erliegen, wird durch deren Einsatz Lebensraum und Ernährungsgrundlage genommen: Durch Pestizide (mit)verursachter Bestandsrückgang der Insektenfauna lässt das Nahrungsangebot von Feldvögeln, Fledermäusen und Kleinsäugern zusammenschrumpfen. Die Ausbringung von Pestiziden schlägt sich auch in der örtlichen Gewässerqualität nieder und schädigt die hier vorkommenden Lebewesen, z.B. Kaulquappen.

Ohne den Einsatz von Pestiziden tritt in strukturreichen Agrarlebensräumen ein breiteres Artenspektrum, z.B. an Insekten, auf. Unter diesen finden sich Nützlinge, die die Angreifer der Feldfrüchte in Schach halten. Solche Räuber werden zum Beispiel durch das Anlegen von Blühstreifen besonders gefördert.

Düngung

Stickstoff ist ein essentieller Pflanzennährstoff. Generell würden Nährstoffe im natürlichen Stoffkeislauf nach dem Absterben der Pflanzen wieder dem Boden und damit zukünftigem Pflanzenwachstum zugeführt. Durch die Ernte oder durch grasendes Vieh werden nun aber den Feldern und Weiden Nährstoffe entzogen. Um die Fruchtbarkeit der Böden zu erhalten, soll dieser Mangel mittels Dünger ausgeglichen werden. Allerdings wirkt sich ein Überangebot an Stickstoff massiv auf die Biodiversität aus: Es führt zu übermäßigem Wachstum in die Länge mit sehr weichen, schwammigen Trieben und Zellen bei Kulturpflanzen und Bäumen. Außerdem verändern die übermäßigen Stickstoffgaben die Artenzusammensetzung eines Standortes. Wo zuvor nur genügsame Pflanzen magerer Böden vorkamen, gedeihen plötzlich stickstoffliebende Arten. Zarte Gewächse, die sich über Jahrtausende an nährstoffarme Wuchsorte angepasst haben, können sich gegenüber den neuen, großblättrigen, gutwüchsigen Konkurrenten nicht behaupten und verschwinden. Die veränderte Zusammenstellung an Arten bewirkt ein neues bodennahes Mikroklima. Ein dichtes Blätterdach beschattet den zuvor sonnenbeschienenen Boden, der deshalb z.B. für lichtliebende Insekten und Jungvögeln von Bodenbrütern nicht mehr genutzt wird.

Wird mehr Stickstoffdünger in organischer (z.B. Gülle) oder mineralischer Form ausgebracht, als dem Boden durch die Pflanzen entzogen wird, kommt es zu einem Stickstoffüberschuss im Boden. Zum Ende der Vegetationszeit ist dieser im Boden messbar. Er wird durch Niederschläge ausgewaschen und findet sich dadurch auch bald im Grundwasser und in den benachbarten Gewässern wieder, wo er Auswirkungen auf die Gewässerqualität sowie die dort vorkommenden Arten hat.

Eine Reduktion bzw. ein Verzicht auf Stickstoffdüngung fördert das Vorkommen unterschiedlicher lichtliebender Pflanzen, die ein vielfältiges Angebot an Blüten für Insekten wie Wildbienen und Schmetterlinge bereitstellen.

Ungünstige Mahdzeitpunkte und -verfahren

Durch hocheffektive Mähgeräte wird bei vollständiger Mahd großer Wiesenflächen ein erheblicher Teil der vorkommenden Insekten, wie z.B. Heuschrecken vernichtet. Je früher die erste Mahd angesetzt wird, desto mehr Schnitte können übers Jahr folgen. Dadurch wird die Reproduktion von Wiesenvögeln jedoch enorm eingeschränkt, denn die erste Wiesenmahd fällt dann häufig in deren Brutzeit. Unter dem Produktionsdruck industrieller Landwirtschaft werden die gutwüchsigen - da gedüngten - Wiesen statt der ehemals üblichen ein- bis zwei Mal, innerhalb eines Jahres drei- bis fünfmal geschnitten. Häufiges Mähen führt dazu, dass sich nur die besonders schnitttoleranten Pflanzenarten durchsetzen. Statt einer bunten Mischung aus Kräutern und Gräsern beherrschen damit allein wenige Grasarten die hochproduktiven, aber artenarmen Wiesen.

Hier gibt es Infos zu naturverträglicher Mahd

Entwässerung von Feuchtgrünland

Um naturgemäß feuchte Flächen wie Flussauen oder Moore besser als Wiesen oder Weiden nutzen zu können, ist es seit Jahrhunderten gängige Praxis, diese Gebiete mittels Abflussrohren und -gräben, der sogenannten Drainage, trockenzulegen. Mit dem großflächigen Trockenhalten einstiger Feuchtgebiete wurde aber der natürliche Wasserhaushalt extrem verändert. Unter den neuen Bedingungen mit künstlich niedrigen Wasserständen können die auf feuchte Lebensräume spezialisierten Arten, wie Kiebitz, Grasfrosch und Sumpfdotterblume nicht mehr leben. Zudem setzen Prozesse im Boden ein, die dessen Fruchtbarkeit auf Dauer verringern und schädlich für das Klima sind.

Hier gibt es Infos zur Nutzung nasser Moortstandorte

Grünlandumbruch

Über viele Jahre verringerte sich die Fläche von Grünland stetig, da diese in potentiell ertragreichere Äcker umgewandelt wurde. In den norddeutschen Bundesländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ist beispielsweise seit 1960 ein Rückgang um ca. ein Drittel zu verzeichnen und mit ihm der Rückgang einer Vielzahl auf Wiesen und Weiden angewiesener Tiere und Pflanzen.

Durch die EU-Agrarreform von 2013, wurde die Umwandlung von Grünland, vor allem von wertvollem Dauergrünlandflächen, streng reglementiert bzw. gesetzlich verboten.

Beseitigung von Strukturelementen und Vergrößerung von Flächen

Hecken, Sölle, Steinmauern usw. strukturieren die Agrarlandschaft. Sie stellen wertvolle Rückzugsräume für die unterschiedlichsten Lebensgemeinschaften an Tieren und Pflanzen bereit: Kleinstgewässer, z.B. Sölle, bieten Laichmöglichkeiten für Grasfrösche, knorrige Bäume auf dem Acker sind Unterschlupf für Fledermäuse und Ausguck für Greifvögel, Steinmauern dienen als Sonnenterasse für Eidechsen, Hecken werden als Brutplatz von Goldammer und Hänfling sowie von zahlreichen Insekten zur Überwinterung genutzt und im unbewirtschafteten Wegrain wachsen Rainfarn oder Wegwarte… Außerdem ermöglichen sie – nicht nur während der Erntezeit - unterschiedlichsten Tieren, vom Laufkäfer bis zum Reh, Bewegungs- und Ausweichmöglichkeiten entlang von naturbelasseneren Korridoren und bieten Unterschlupf zur Überwinterung. Auch den Wildpflanzen und pflanzlichen „Kulturfolgern“ bieten die landschaftsgliedernden Elemente Wege zur Verbreitung. Für höchsteffizientes landwirtschaftliches Arbeiten stellen diese Strukturen jedoch Erschwernisse im reibungslosen Ablauf dar: Die Hindernisse müssen bei jedem Arbeitsgang umfahren werden. Um die Feldarbeiten zu erleichtern und die Nutzung zu intensivieren, wurden seit dem Anlegen von Äckern und Wiesen immer mehr Hemmnisse beseitigt, die die Bewirtschaftung einschränkten - damit sind allerdings auch naturnahe Habitate innerhalb der Agrarlandschaft immer seltener geworden.

Vereinheitlichung von Anbaukulturen

Weizen, Mais, Raps, Rüben… - die Vielfalt der angebauten Nutzpflanzen hat sich während der letzten Jahrzehnte gewandelt. Mit Lein bestellte Äcker oder regionaltypische Kartoffelsorten sind heute ein eher seltener Anblick. Mit der Vereinheitlichung der angebauten Kulturen und deren gleichförmiger Behandlung verarmt auch die Vielfalt der Arten, die neben ihnen Fuß fassen können.

Der verstärkte Anbau von Bio-Energiepflanzen, vor allem von Mais, hat zu dieser Monotonisierung einen weiteren Beitrag geleistet.

Hier gibt es Infos zu erweiterter Fruchtfolge

Verbesserte Saatgutreinigung

Noch vor ein paar Jahrzehnten war die Ausbreitung mit der Aussaat der Feldfrüchte ein üblicher und viel genutzter Verbreitungsweg von Ackerwildkräutern, denn sie waren dem Feldfruchtsaatgut noch mit einem guten Anteil beigemengt. Unter den geernteten Getreidekörnern fanden sich je ein paar Samen von Kornrade und Co., die so unversehens in der nächsten Saison mit ausgesät wurden. Diese Art der Ausbreitung findet hierzulande praktisch nicht mehr statt. Durch effiziente Reinigung und da kaum noch Wildpflanzen auf den Äckern siedeln, befinden sich im Saatgut tatsächlich beinahe nur Samen der zur Aussaat gewünschten Pflanzenart.

Übernutzung oder Aufgabe von Grenzertragsertragsstandorten

Gerade die wenig gewinnbringenden sogenannten Grenzertragsstandorte mit auffälliger Hangneigung, steinigem Untergrund oder einer kleinteilig strukturierten Oberfläche beherbergen oft eine Fülle von angepassten Tier- und Pflanzenarten. Wird nun z.B. durch Düngung versucht, dem Standort einen ackerbaulichen Ertrag abzuringen, werden eben diese Spezialisten ausgelöscht. Wie eine zu starke Nutzung, wirkt sich jedoch auch das Aufgeben der bisherigen Bewirtschaftung stark auf dort vorkommende Arten aus. Ohne Wiesenschnitt verfilzt die Vegetation, konkurrenzstarke Pflanzenarten setzen sich durch und über die Jahre stellen sich immer mehr Gehölze auf den Flächen ein. Die Fläche „verbuscht“, wodurch sich keine der ursprünglichen Magerwiesenpflanzen hier behaupten kann.

Rückgang von Ackerbrachen

Um dem Boden nach mehrfacher Nutzung und Ernte Zeit zur Erholung und Regeneration zu geben, wurden Äcker schon vor Jahrhunderten für ein Jahr brachliegen gelassen. Schon im Alten Testament wird davon berichtet, auch wenn dies nicht als Handlungsanweisung an heutige Landwirt*innen gelesen werden kann:

„Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen, sechs Jahre sollst du deinen Weinberg beschneiden und seinen Ertrag ernten. Aber im siebten Jahr soll das Land eine vollständige Sabbatruhe für den HERRN halten: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden. Den Nachwuchs deiner Ernte sollst du nicht ernten und die Trauben deines nicht beschnittenen Weinstockes sollst du nicht lesen. Für das Land soll es ein Jahr der Sabbatruhe sein.“ (3.Mose 25,3-5)

Ackerbrachen bieten auch vielen Tierarten der Kulturlandschaft einen attraktiven Lebensraum. So brüten dort Feldlerchen, Grauammern oder Rebhühner und Vögel finden im Winter Samen und Deckung.
Die Beendigung des EU-Flächenstilllegungsprogramms 2007 führte zu einem deutlichen Rückgang von Ackerbrachen – und damit dem Verlust von Ausweichmöglichkeiten für Pflanzen- und Tierarten in der Agrarlandschaft.

Nährstoffüberversorgung von Hecken, Feldrainen, Kleingewässern

Lebensräume, die direkt an intensiv bewirtschaftete landwirtschaftliche Flächen angrenzen oder sogar inselartig von ihnen umgeben sind, werden permanent durch sie beeinflusst. Dünger- und Pestizidgaben gelangen über Boden und Wasser schnell in die benachbarte Umgebung und lagern sich dort an. Überdüngte Sölle und Feldwegrandstreifen bieten nur noch einer sehr begrenzten Zahl von Tieren und Pflanzen eine Bleibe.

Beschleunigte Produktion

Zur Zeit der vorindustriellen Landbewirtschaftung, erfolgte die Bearbeitung von Grünland und Acker mittels manueller Bearbeitung, mit einfachen mechanischen Techniken und unter Zuhilfenahme tierischer Zugkraft. Dadurch gingen jegliche landwirtschaftliche Bearbeitungen wesentlich langsamer von statten, als es heute der Fall ist: Während eine Mahd oder das Einbringen einer Ernte heute innnerhalb weniger Stunden erledigt ist, wurden noch vor 200 Jahren dafür mehrere Tage benötigt. Diese - gezwungenermaßen - gemächlichere Produktion, brachte kurzlebige mosaikartige Strukturen in unterschiedlichem Bearbeitungsstand hervor.  Dies bot z.B. der Insektenwelt Ausweichmöglichkeiten, die heutzutage rar geworden ist.

Quellen

1 - Homepage Umweltbundesamt, https://www.umweltbundesamt.de/themen/boden-landwirtschaft/umweltbelastungen-der-landwirtschaft, zuletzt abgerufen am 13.05.2019

2 - Bundesamt für Naturschutz, BfN (2014): Agrar-Report. https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/landwirtschaft/Dokumente/BfN-Agrar-Report_2017.pdf , 62 S.

3 - Gottwald F. & Stein-Bachinger K. (2016): Landwirtschaft für Artenvielfalt – Ein Naturschutzmodul

für ökologisch bewirtschaftete Betriebe. 2. Auflage, www.landwirtschaft-artenvielfalt.de, 208 S.

4 - Bundesamt für Naturschutz, BfN 2015: Artenschutz-Report 2015. Tiere und Pflanzen in Deutschland. Bonn. (https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/presse/2015/Dokumente/Artenschutzreport_Download.pdf  , abgerufen am 26.06.2019).

5 - Strommel et al. (2018): Maßnahmen- und Artensteckbriefe zur Förderung der Vielfalt typischer Arten und Lebensräume der Agarlandschaft. Abschlussbericht zum DBU- Projekt 91017/19, S. 344. DOI: https://www.dbu.de/doiLanding1491.html

Gefährdung der Biodiversität in der Agrarlandschaft
Ausbringung von PflanzenschutzmittelnDüngungUngünstige Mahdzeitpunkte und -verfahrenEntwässerung FeuchtgrünlandGrünlandumbruchVergrößerung von FlächenVereinheitlichung von AnbaustrukturenVerbesserte SaatgutreinigungRückgang von BrachflächenBeseitigung / Nährstoffüberversorgung von Hecken / FeldrainenVerringerte Brutmöglichkeiten in Ställen und Scheunen

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